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Zahlungsmoral in Österreich: Erste Trendumkehr erkennbar

19.09.2019

Bei einer weiterhin guten Geschäftslage begleicht ein Fünftel ihre Rechnungen verspätet. Die Mehrheit vermutet sogar vorsätzliche Gründe hinter dem Nichtbezahlen von offenen Verbindlichkeiten.  

Die Befragten des jährlich durchgeführten Austrian Business Checks zur Zahlungsmoral in Österreich bestätigen eine aktuell gute Geschäftslage (68 % sehr gut/gut). „Wir müssen aufpassen, dass wir uns auf diesen positiven Zahlen nicht ausruhen. Erste Anzeichen einer Trendumkehr geben bereits jetzt Anlass zur Sorge“, warnt Ricardo-José Vybiral, CEO des KSV1870. So erwarten sich deutlich mehr Befragte in der Zukunft eine schlechtere Zahlungsmoral. „Bevor sich Gewitterwolken zusammenbrauen, sollten sich Firmen und die Öffentliche Hand ein Beispiel an den Privaten nehmen, die mit durchschnittlich einem Tag Verzögerung ihre Rechnungen bezahlen“, so Vybiral. Während Private größtenteils pünktlich bezahlen, haben Firmen ebenso wie die Öffentliche Hand Handlungsbedarf.

Ein weiterhin anhaltender Forderungsverlust von 1,7 Prozent des Umsatzes der Befragten in 2019 könnte zu einem zögerlichen Optimismus führen. „Jedoch werden nach KSV1870 Hochrechnungen jährlich rund 1,9 Mio. Rechnungen in der Höhe von 1,35 Mrd. Euro selbst nach Zahlungserinnerung und Mahnungen nicht bezahlt“ erläutert Walter Koch, Geschäftsführer der KSV1870 Forderungsmanagement GmbH. Vorsicht ist auch geboten, da insbesondere ein um drei Prozent höherer Anteil als 2018 von einem rückläufigen Umsatz betroffen ist. Nicht verwunderlich ist es demnach, dass ein Viertel bei der Frage nach den größten Gefahren für ihren Geschäftsbetrieb Zahlungsausfälle nennt (27 %, AB-Check Frühjahr 2019). Vybiral sieht aber ein rasches Handlungspotenzial: „Es könnte so einfach sein: Würden Rechnungen nicht stark vorsätzlich liegen bleiben, müssten Unternehmen sich nicht so viele Sorgen um Zahlungsausfälle machen.“

Firmen zahlen mit Verzug

Von den Firmen begleichen 20 Prozent ihre Rechnungen verspätet, obwohl sich das Zahlungsziel sogar gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt um einen Tag auf 24 Tage erhöht hat. Österreichische Unternehmen zahlen mit einem Zahlungsverzug von fünf Tagen offene Forderungen. Dennoch scheint ein Zahlungsverzug zur akzeptierten Norm geworden zu sein. Die Befragten geben an, dass die Zahlungsmoral ihrer Firmenkundschaft im Vergleich zu 2018 unverändert gut geblieben ist. Rund zwölf Prozent meinen sogar, dass sich diese verbessert hätte. Auf Bundesländerebene hat Vorarlberg seine Stellung als Musterschüler verloren, während sich das Burgenland stark verbessert hat. Der Großteil zahlt nach 30 Tagen.

Gemeinden bleiben Musterschüler

Langsam aber doch ist eine Besserung der Zahlungsmoral bei der Öffentlichen Hand zu verzeichnen. So haben die Bundesbehörden ihren Zahlungsverzug auf sechs Tage (minus 1 Tag) verringert. Die Länder verbessern sich auf fünf Tage (minus 2 Tage). Hingegen liegen die Gemeinden mit ihrem Zahlungsziel (26 Tage) vorbildlich unter der gesetzlichen Vorgabe von 30 Tagen und weisen mit einem Zahlungsverzug von drei Tagen auch hier den niedrigsten Wert auf. Der Aufwärtstrend im öffentlichen Sektor führt auch bezüglich der Einschätzung der guten Zahlungsmoral (77 %) bei den Befragten zu einem Plus von knapp fünf Prozent gegenüber 2018.

Wenngleich sich die positive Entwicklung ebenfalls in der Bundeländerauswertung widerspiegelt, ist die Öffentliche Hand noch nicht aus ihrer Pflicht zu nehmen. Dennoch ist positiv zu erwähnen, dass sich das Schlusslicht vom letzten Jahr, das Burgenland, deutlich um sieben Tage verbessert hat. Bis auf Vorarlberg (plus 3 Tage) konnten auch alle anderen Bundesländer ihren Zahlungsverzug reduzieren. Auf Gemeindeebene ergibt sich ein ähnlich positives Entwicklungsbild mit einem verringerten Zahlungsverzug von einem Tag. Die burgenländischen Gemeinden und die Gemeinde Wien weisen den größten Zahlungsverzug mit 5 Tage vor.

Ganz gegenteilig zur gewerblichen Zahlungsmoral sieht das Bild bei den Privaten aus, welche nahezu innerhalb des Zahlungsziels (87 %) zahlen. Der durchschnittliche Zahlungsverzug beträgt bei einem Zahlungsziel von 14 Tagen nur einen Tag. Somit
ergibt sich auch eine unveränderte Einschätzung der guten Zahlungsmoral unter den Befragten (76 %).

Wieviel Vorsatz steckt hinter dem Nichtbezahlen?

Als Hauptgrund für das Nichtbezahlen von Rechnungen seitens der Firmen wird die Ineffizienz der Verwaltung (53 %), gefolgt von momentanen Liquiditätsengpässen (44 %) genannt. Wenn es jedoch zu einem Zahlungsverzug der Privaten kommt, so wird dieser in erster Linie der Vergesslichkeit (59 %) zugeschrieben. Über alle Gruppen hinweg stehen die vorsätzlichen Gründe für das Nichtbezahlen stark im Fokus. Ein Drittel der Befragten hat das Gefühl, dass ihre Privat- und Firmenkunden vorsätzlich nicht bezahlen.

Die Firmenergebnisse zeigen darüber hinaus noch ein deutliches Ergebnis von über 40 Prozent, wo die Ausübung der Machposition als Grund angegeben wird. Noch deutlicher ist es bei der Öffentlichen Hand, wo knapp die Hälfte der Befragten (48 %) vermutet, dass die Ausnützung der Machtposition ein Grund für die verspätete Bezahlung von offenen Rechnungen ist.

Österreich im Spitzenfeld

Mehr als die Hälfte der Befragten (55 %) sehen beim Zahlungsverhalten von internationalen Kunden keinen Unterschied zu den nationalen. Dennoch setzt rund ein Drittel der Befragten auf Absicherungsmaßnahmen, wie Vorauskasse (71 %), Bonitätsauskünfte (58 %) oder einer Anzahlung (46 %). Nach den Gründen für das Nichtbezahlen von Rechnungen, die international ausgestellt wurden, gibt die deutliche Mehrheit (71 %) eine schlechtere Zahlungsmoral als in Österreich an. Der internationale Vergleich untermauert diese Ergebnisse: Steht die heimische Zahlungsmoral doch deutlich positiver als der europäische Durchschnitt da – ein Bonus für den Wirtschaftsstandort Österreich.

Ausführliche Daten zum AB-Check Zahlungsmoral 2019 finden Sie hier online.

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