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Verbund-Vorstand Wolfgang Anzengruber.

„Wir greifen heute jeden Tag ins Netz ein, um die Stabilität zu erhalten“

27.06.2019

Verbund-Vorstand Wolfgang Anzengruber über smarte Stromzähler, die Vor- und Nachteile erneuerbarer Energien, den massiv steigenden Stromspeicherbedarf, die Versorgungssicherheit in Österreich und darüber, warum Strom trotz allem ein enormes Zukunftspotenzial hat.

Der Mai war von Kälte und viel Regen geprägt. Für Ihr Geschäft mit der Wasserkraft sind kräftige Niederschläge aber positiv. Können Sie bereits konkrete Auswirkungen aufgrund des Klimawandels beobachten?

Anzengruber: Wir analysieren schon seit Jahren, ob sich das Wasserangebot über das gesamte Jahr ändert. Derzeit können wir noch nicht feststellen, dass sich in Summe etwas verändert. Wo wir aber sehr wohl Veränderungen sehen, ist in der Saisonalität des Wassers.

Konzentrieren sich starke Niederschläge und Trockenperioden?

Ja, die Winter sind nicht mehr so kalt. Wir haben auch trockenere Sommer. Die Saisonalität des Wasserangebots ändert sich dadurch. Wir sehen auch, dass manche Phänomene sehr lokal auftreten. Gerade im vorigen Jahr hatten wir im Norden an der Donau massiv Niedrigwasser, während wir zur gleichen Zeit Überschwemmungen im Süden hatten. In den hochgelegen Erzeugungen bei den Pumpspeicherkraftwerken sehen wir, dass die Gletscher zurückgehen. Damit kommen auch öfter Muren auf uns zu. Diese beiden Phänomene haben unmittelbaren Einfluss auf unser Geschäft.

Die Mission 2030 der letzten Bundesregierung will zu 100 % Grünstrom bis 2030 und eine Co₂-Reduktion von 36 %. Ist das realistisch?

Eines vorweg: Wir wollen auf alle Fälle die Potenziale, die wir in Wasser, Wind und Sonne sehen, noch stärker nutzen. Es gibt auch noch Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung bei bestehenden Anlagen. Wichtig für die Erreichung der Ziele ist auch eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie, wo wir fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien substituieren müssen. Im Mobilitätsbereich, der auch ein großer Emittent ist, sind wir bei der Elektromobilität engagiert. Insgesamt ist die Zielsetzung sicher höchst ambitioniert; eine leichte Fingerübung ist das nicht.

Keine leichte oder eine unmögliche Fingerübung?

Rein technisch machbar ist es. Der Aufwand ist aber enorm und auch die langen Verfahrensdauern sollten wir nicht vergessen.

Wer wird denn die enormen Aufwendungen tragen?

Das würden wir schon investieren, aber es muss wirtschaftlich sein. Das ist ein wesentlicher Punkt. Wir investieren in erneuerbare Produktion nur, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll ist. Wir sind keine Non-Profit-Organisation. Deswegen ist es eine wesentliche Herausforderung für die Bundesregierung, die Rahmenbedingungen so zu schaffen, dass die Potenziale wirtschaftlich genützt werden können.

Es ist eine Sache, Energie aus Erneuerbaren zu produzieren, aber genauso wichtig ist die Frage der Speicherung. Zeichnen sich hier neue Lösungen ab?

Der Nachteil der neuen erneuerbaren Energie ist, dass sie volatil ist. Sonne, Wind und Wasser können nur Energie liefern, wenn sie gerade verfügbar sind. Das heißt: Der Speicherbedarf wird massiv steigen, einfach, weil wir saisonal verschieben müssen. Man muss die Sonnenenergie in den Abend bringen. Der effizienteste Speicher, den wir heute kennen, ist der Pumpspeicher mit 80 % Wirkungsgrad, wo man Wasser den Berg raufpumpt und runterlässt, wenn man Strom braucht. Aber das wird nicht reichen.

Vermutlich auch deswegen, weil es nicht überall Berge gibt.

In Holland wär das definitiv nicht möglich. Deswegen ist ja auch Wasserstoff so ein Thema. Den kann man speichern. Gleichzeit entwickeln sich die Kapazitäten der Batterien weiter. Irgendwann wird es leistungsfähige Batterien für zu Hause geben, wo man die Photovoltaikproduktion für die Abendstunden, wenn man zu Hause ist, speichern kann. Wir brauchen aber auch Power-to-Gas-Lösungen. Und über all dem steht: Intelligenz.

Sie meinen smarte Stromzähler und Netze?

Genau, wir brauchen eine entsprechende Digitalisierung, wir müssen online sein und mit dem Verbraucher die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch halten. Das wird eine zunehmend größere Herausforderung werden, weil wir immer mehr volatile Erneuerbare im System haben. Es gibt viele Mittel, die Werkzeuge sind da. Es braucht aber jetzt eine funktionierende Kombination. Die eine große Königsidee gibt es nicht.

Energieverbrauch steigt weiter

Es gibt mehr Menschen, mehr Anwendungen, aber auch mehr Effizienz: In welche Richtung entwickelt sich der Energieverbrauch insgesamt?

Er steigt, hat sich aber schon seit Jahren vom Wirtschaftswachstum entkoppelt. Früher war Wirtschaftswachstum immer an steigenden Energiebedarf gebunden. Es geht jetzt darum, dass wir Energie in Summe ohne Lebensqualitätsverlust durch Effizienz reduzieren. Das wird machbar sein. Wir haben heute 20 % Strom im Energiekuchen, er wird sich auf 50 % steigern. Strom wird Teil der Lösung sein. Dort wird es hingehen.

Ein Thema, das neben dem Klimawandel große Gefahren birgt, ist die Reduktion der Biodiversität. Lässt sich der Ausbau der Erneuerbaren in Einklang mit der Natur gestalten?

Wir investieren in den nächsten Jahren 280 Mio. Euro in Ökologisierungsmaßnahmen, in Fischtreppen, Umgehungsgewässer und Renaturierungen. Ich kann aber nicht leugnen, dass Kraftwerke einen Eingriff darstellen, aber wir tun auch viel. Das ist unsere Aufgabe. Mag sein, dass Sünden passiert sind. Aber heute berücksichtigen wir alle Faktoren. Wir versuchen so schonend einzugreifen wie möglich.

Die internationale Vernetzung, die Digitalisierung und der Einsatz von erneuerbaren Energien machen den Energiesektor fragiler. Wie sicher ist die Stromversorgung in Österreich?

Aktuell ist die Stromversorgung in Österreich sehr sicher. Nur die Eisdecke, auf der wir gehen, wird dünner. Das muss man klar sagen. Es braucht immer mehr Aufwand, um die Sicherheit zu gewährleisten. Cybersecurity ist ein riesen Thema, in das wir viel investieren. Wenn groß angelegte Attacken kommen, gehen sie nicht von Einzelpersonen aus, sondern von kriminellen Organisationen. Darauf muss man sich entsprechend vorbereiten. Aber wir wissen: 100-prozentigen Schutz gibt es nicht. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir uns darum kümmern, dass wir möglichst schnell wieder aufstehen können, wenn wir echt einmal umfallen.

Was kann man sich unter „schnell“ vorstellen?

Es gibt natürlich nur theoretische Szenarien, weil das niemand ausprobieren will. Dabei hängt die Dauer immer von den Rahmenbedingungen ab, sie reicht von Stunden bis zu Tagen. Damit es schnell geht, benötigen wir Kraftwerke, die ohne Strom starten können. Das sind zum Beispiel Speicherkraftwerke. Sie erzeugen den ersten Strom und helfen dann, die anderen wieder zu starten. Solche Sicherungssysteme braucht man zunehmend. Wir greifen heute jeden Tag ins Netz ein, um die Stabilität zu erhalten. Die Ursache kann in einem ganz anderen Land liegen und dann setzt ein Dominoeffekt ein. Man muss frühzeitig erkennen können, wo Überlastungen einsetzen und wo man Maßnahmen setzen kann, um zu helfen. Das ist ein europäisches Thema.

Wie gut funktioniert die europäische Abstimmung?

Ich würde sagen, sie funktioniert besser als in der Politik. Das klappt technisch sehr gut.

Gekürztes Interview von www.die-wirtschaft.at
Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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