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Tarife mit Fragezeichen: Die Festplattenabgabe und der Irrtum von der Raubkopie

01.04.2014

Mit neuen Zahlen tauchen Gegner und Befürworter der Festplattenabgabe auf. Berechnungsgrundlage sind jeweils die autonom festgelegten Tarife. Doch auch die müssten unter die Lupe genommen werden, ob sie gerechtfertigt sind. Schließlich geht’s bei dem ganzen Streit „nur“ um die Privatkopie und nicht um die Raubkopie.

Mit 39,5 Millionen Euro jährlich rechnen die heimischen Verwertungsgesellschaften, wenn die sogenannte Festplattenabgabe kommt. Die Befürworter der Abgabe stützen sich bei dieser Zahl auf ein Gutachten der Ökonomin Agnes Streissler-Führer. Sofern sie dann noch in Österreich kaufen, müssen natürlich die Konsumenten für diese Summe aufkommen. Indes rechnet die Plattform für modernes Urheberrecht vor, was Künstler selbst für die Festplattenabgabe blechen würden.

Doch bevor über die Zahlen diskutiert wird, müssten eigentlich die von den Verwertungsgesellschaften autonom festgelegten Tarife auf Herz und Nieren geprüft werden. Denn bei dem ganzen Festplattenabgabe-Theater geht’s nur um die Privatkopie. Und die hat mit der oft polemischen hinzugemischten Raubkopie gar nichts am Hut.

"Falsches Instrument"

„Wenn eine Festplattenabgabe auf Privatkopien angewendet wird, kann in Wahrheit für die Künstler nur ein verschwindend kleiner Geldbetrag übrigbleiben. Der wird nicht viel bringen“, sagte Wolfgang Krejcik, Bundesgremialobmann des Elektrohandels, im Februar zu Elektrojournal Online. Ein Schaden, der durch Raubkopien entsteht, könne nicht durch ein Instrument, das eigentlich auf die Privatkopie abzielt, behoben werden. Daher brauche es andere Modelle, wenn es um die "angemessene Entlohnung für Künstler" geht.

Krejciks Kritik ist nicht unbegründet. Denn wie viele Verbraucher gesetzeskonform erworbener Content zur Sicherheit auf ein zusätzliches Speichermedium kopieren, ist fraglich. Die hohen Gerichtsinstanzen haben jedenfalls signalisiert, in ihrer Entscheidungsfindung darauf zu achten, die Privatkopie nicht mit der Raubkopie zusammenzuwürfeln.

Da dies aber in der öffentlichen Diskussion sehr wohl passiert (Filmproduzent Veit Heiduschka untermauerte seine Forderung nach der Abgabe zum Beispiel damit, dass der ausgezeichnete Haneke-Film "Amour" etwa 80.000 Mal illegal über das Internet verteilt worden sei), wird’s wohl nicht allzu einfach, den Käufern zu verklickern, dass mit dem Aufpreis nur die Privatkopie abgedeckt ist. Und für die legal erstandenen Inhalte zahlten der Kunden ja bereits. Die Festplattenabgabe könnte also durchaus als Freibrief für illegale Downloads ausgelegt werden.

Kosten für Kreative

Aber zurück zu den Zahlen: Die Plattform für modernes Urheberrecht rechnet anhand eines Beispiels (siehe Foto) vor, was Künstler jährlich an Festplattenabgaben blechen müssten. Denn auch sie verwenden Computer, Smartphone, Digitalkamera, Laptop und diverse andere Speichermedien.

Die Gesamtbelastung betrage 409,34 Euro. Geht man von einer durchschnittlichen Nutzungsdauer pro Gerät von drei Jahren aus, müsste der Kreative 136,45 Euro jährlich bezahlen. 65 Prozent der Kunstschaffenden bis 35 Jahre sind nicht Mitglied einer Verwertungsgesellschaft. Das heißt, dass sie de facto Netto-Zahler sind, weil sie zwar Abgaben leisten, aber keine Auszahlungen erhalten. Ähnlich verhält es sich übrigens bei den 35- bis 45-Jährigen, wo 55 Prozent auf eine Mitgliedschaft verzichten.

Studie der Befürworter

Die Befürworter einer Festplattenabgabe erhoffen sich von deren Einführung jährlich 39,5 Millionen Euro. Die heimischen Verwertungsgesellschaften stützen sich dabei auf ein Gutachten der Ökonomin Agnes Streissler-Führer. Die 39,5 Millionen Euro, die sich basierend auf Zahlen des Vorjahres ergeben, würden sich wie folgt zusammensetzen: 11,6 Millionen Euro würde die Abgabe auf Festplatten ausmachen, 21,4 Millionen Euro wären über Smartphone-Verkäufe zu lukrieren und weitere 6,4 Millionen Euro betragen die Einnahmen aus der bestehenden Leerkassettenvergütung auf CD- und DVD-Rohlinge oder USB-Sticks.

 

Durch diese Belastung wären maximal 96 Arbeitsplätze betroffen, heißt es. Die Wirtschaftskammer spricht hingegen von bis zu 2.000 Stellen, die wackeln. Conrad-Chef Thomas Schöffmann warnt im Elektrojournal 3/2014 davon, die Festplatten als isoliertes Produkt zu sehen. Denn Kunden werden ins Internet abwandern und „der Konsument wird dort, wo er die Festplatte kauft, wahrscheinlich auch den Rest drumherum kaufen.“

Autor/in:
Redaktion Elektrojournal
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