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Steuerbetrug: Mit 5 Maßnahmen will der Handelsverband internationale Online-Händler an die Kandare nehmen

18.09.2018

Vor allem asiatische Online-Händler umgehen oft ihre Abgabepflichten in Europa. Der Handelsverband wünscht sich deshalb nun härtere Sanktionen für Steuersünder. Langfristig müssten fünf Maßnahmen umgesetzt werden, die für den heimischen Handel „überlebenswichtig“ seien.  

Rund sieben Milliarden Euro gehen der EU jährlich durch die Lappen, weil Online-Versender ihre Abgaben nicht regelkonform abführen.

"Der internationale E-Commerce darf nicht länger – und damit meinen wir auch nicht bis 2021 – als Steuerparadies für Online-Händler aus Drittstaaten instrumentalisiert werden", sagt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will. Er brauche klare gesetzliche Rahmenbedingungen und eine lückenlose steuerliche Erfassung, um den Steuervorteil gegenüber der traditionellen Wirtschaft auszugleichen.

Vor allem asiatische Handelsplattformen würden die anfallenden Steuern illegal umgehen, da sie ihre Pakete im Cross-Border-Handel fast gänzlich zoll- und mehrwertsteuerfrei in die EU schleusen würden. Das Schadensausmaß durch entgangene Umsatzsteuerzahlungen liege in Österreich bei mehreren hundert Millionen Euro und europaweit bei mindestens sieben Milliarden Euro.

„Aktion scharf“

Der Handelsverband plädiert nun für eine "Aktion scharf" gegen die vorsätzlichen Steuersünder. "Jedes Unternehmen, das bei einer Stichproben-Kontrolle beim Einfuhrumsatzsteuer-Betrug erwischt wird, sollte für den Versand gesperrt und bestraft werden. Das hat eine abschreckende Wirkung für Drittstaat-Händler, die sich auf Kosten heimischer Konsumenten und Händler bereichern", so Will.

Konkret meint Will damit:

  • Erfassung jeder Sendung durch ein EU-Versandmeldesystem;
  • Bei Verstoß sofortige Verkaufssperre eines Händlers für den österreichischen Markt sowie unmittelbare Meldung an die EU-Finanzbehörden;
  • Einleitung eines Finanzstrafverfahrens wegen Steuerhinterziehung;
  • Einhebung der nicht entrichteten Steuerschuld zuzüglich einer EU-Zoll- bzw. Steuerpönale
     

Auf lange Sicht empfiehlt der Handelsverband fünf Maßnahmen, die „für den heimischen Handel überlebenswichtig sind“ (im Wortlaut):

  1. Versteuerung & digitale Verzollung ab dem ersten Cent bei Einzelpaketversand in die EU: Die Einfuhrumsatzsteuerbefreiung bis 22 Euro sowie die Zollfreigrenze bis 150 Euro sollte so rasch wie möglich abgeschafft werden, um auch asiatische Online-Händler besteuern zu können. Angesichts jährlicher Wachstumsraten von 20 Prozent im chinesischen Cross-Border-Handel kommt die von der EU geplante Abschaffung Anfang 2021 leider viel zu spät. Weiters braucht es eine digitale Verzollung mit Vorab-Versandmeldungen nach Schweizer Vorbild. Ein derartiges unbürokratisches und europaweit einheitliches Versandmeldesystem wär auch bei wenig Personalressourcen in den Zollbehörden umsetzbar. Auch die von der Initiative Wirtschaftsstandort Oberösterreich (IWS) vorgeschlagene EU-IT-Plattform könnte Abhilfe schaffen.
  2. Einführung einer Bearbeitungsgebühr für Sendungen aus Drittstaaten: Die Einführung einer digitalen Verzollung geht Hand in Hand mit der Einführung einer Bearbeitungsgebühr für Sendungen aus Drittstaaten, beispielsweise in Höhe von sechs Euro. Deutschland und Schweden haben eine derartige Vergebührung bereits angedacht, denn angesichts der stetig steigenden Paketvolumina ist eine Einzelpaketprüfung durch die Zollbeamten heute de facto unmöglich.
  3. EU-weit einheitliche Konditionen bei pauschaler Palettenverzollung: Aktuell haben in der Europäischen Union drei Länder (Großbritannien, Tschechien und die Niederlande) extrem günstige Konditionen bei der Verzollung von Paletten aus Asien. Das ist unfair und sollte künftig europaweit einheitlich gestaltet sein, um eine drohenden Abwärts-Spirale zu verhindern.
  4. Online-Marktplätze zur Verantwortung ziehen: Für Versandhandelslieferungen aus dem Drittland in das Gemeinschaftsgebiet gelten aufgrund beschlossener Änderungen der EU-Mehrwertsteuerrichtlinie neue Regeln: Ab 1.1.2021 wird Online-Markplätzen die Verantwortung dafür übertragen, die fällige Mehrwertsteuer abzuführen. Für den Zeitraum bis 1.1.2021 muss eine Zwischenlösung gefunden werden. In Großbritannien werden die Marktplätze bereits seit knapp zwei Jahren direkt zur Verantwortung gezogen, wodurch die britischen Behörden schätzungsweise Mehreinnahmen von einer Milliarde Pfund pro Jahr lukriert haben. In Deutschland wiederum führten sogenannte Auskunftsersuchen der Berliner Steuerfahndung dazu, dass etwa Amazon mehr als 500 verdächtige chinesische Händler ohne Steuernummer von seinem Marketplace ausschloss. Durch diese Maßnahmen hat sich die Zahl der in der Bundesrepublik gemeldeten Händler aus China seit Mai 2017 verdoppelt. Zuletzt hat die deutsche Bundesregierung mit dem Gesetzesentwurf zur "Haftung von elektronischen Marktplätzen" einen wichtigen Schritt zur Hintanhaltung von Umsatzsteuerbetrug durch Händler auf Online-Marktplätzen gesetzt. Auch wenn die Durchsetzung von Haftungsansprüchen bei Einführung einer ähnlichen Regelung in Österreich mangels inländischer Präsenzen der großen Marktplatzanbieter schwierig ist, müssen diese auch in Österreich sofort zur Verantwortung gezogen werden.
  5. Einführung der virtuellen Betriebsstätte: Durch die von der Bundesregierung und der EU-Kommission bereits angekündigte Einführung des Konzepts der digitalen oder virtuellen Betriebsstätte sollen künftig auch eCommerce-Plattformen ohne physische Präsenz in Österreich besteuert und damit die Körperschaftssteuervermeidung durch Digitalkonzerne gestoppt werden. Gerade bei der Ertragsbesteuerung ist ein nationaler Alleingang jedoch nicht unproblematisch, weshalb hier ein internationaler Schulterschluss – zumindest auf OECD-Ebene– zielführend ist.
Autor/in:
Alexander Zechmeister
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