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„Sie werden sich fragen, wer im Sarg da drinnen liegt!“

28.11.2018

Aktionstage tragen die Wirtschaft zu Grabe, meint Roman Kmenta. Der Wirtschaftsexperte marschierte am Black Friday mit Sarg und Megaphon die Wiener Mariahilfer Straße entlang, um seine Message von mehr Wert und weniger Preisschleuderei unters Volk zu bringen. Das Elektrojournal sah sich mit Kamera und Schreibblock diesen sogenannten „Walk of Value“ an. 

Es ist Freitag, kurz nach 14 Uhr. Die Wolken hängen tief über Wien, der kalte Wind ist ungemütlich. Auf dem Christian-Broda-Platz ist ein Sarg aufgebahrt. Die wenigen Trauergäste tragen Schwarz. Eine Dame hält rote Rosen. Das Transparent weht im Wind. „Black Friday – ein schwarzer Tag für Wirtschaft und Gesellschaft“ steht drauf.

„Die Kinder bekommen Angst! Sie werden sich fragen, wer im Sarg da drinnen liegt!“, schimpft die vorbeigehende Passantin. Drinnen liegt die Wirtschaft. Zumindest im übertragenen Sinn. Denn sie wird beim Protest-Trauermarsch über die innere Mariahilfer Straße zu Grabe getragen. Initiator der Aktion ist Wirtschaftsexperte Roman Kmenta. Sein Plädoyer: „Wertvoll statt billig, nachhaltige Erträge statt aufgeblasener Umsätze, Kauferlebnis statt Kaufrausch, gesunde Wirtschaft statt ungesunder Rabattitis und mehr Wert statt weniger Preis.“

Journalisten und Kamerateams sind dabei. Vorbeigehende zücken ihre Handys. Der kleine Trauerzug setzt sich in Bewegung. Es geht durch Österreichs stärkste Einkaufsstraße. Die Anti-Rabatt-Demo schlug im Vorfeld hohe Wellen. Knapp vor und knapp hinter der protestierenden Gruppe werden blitzschnell neue Transparente ausgerollt und mitgetragen. „Wir tragen die teuren Preise zu Grabe“, lautet der konträre Slogan auf den beiden Spruchbändern mit dem Black Friday Sale-Logo. Eine Störaktion. Später wird Konrad Kreid, Geschäftsführer der Black Friday GmbH, in einem Statement gegenüber Elektrojournal meinen: „Wir haben die Einladung im Internet gelesen, dass für den geplanten Trauerzug noch nach ‚stummen Begleiterinnen, Begleitern und Mittrauernden‘ gesucht wird. Da wir jede Aktion begrüßen, die den Black Friday in Österreich noch weiter bekannt macht – der Bekanntheitsgrad ist hierzulande noch deutlich niedriger als in den USA oder England – haben wir uns entschlossen, diese Aktion gerne zu unterstützen.“ Ob gelungenes Guerilla-Marketing oder eine patzige und kindische Reaktion, das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

„Umdenken ist im Gange“

Kmenta stoppt immer wieder für Interviews. Auch Passanten suchen das Gespräch mit ihm. Er nimmt sich Zeit, erklärt ausführlich seine Intension. „Ich denke, dass bei immer mehr Unternehmen ein Umdenken im Gange ist, weil sie sehen, dass der Weg, alles immer billiger zu machen und den Preis als einzige Waffe im Wettbewerb einzusetzen, ins wirtschaftliche Aus führt“, sagt er. Durch den ganzen Meinungsaustausch geht es langsamer voran, als ursprünglich geplant. Der Zeitplan ist längst dahin.

Nun biegt der Trauerzug in die Andreasgasse ab. Abseits des Treibens auf der Mariahilfer Straße schreitet die informierte Polizei ein und schickt die ungebetenen „Mitdemonstranten“ fort. „Entschuldigung, da haben wir wohl etwas falsch verstanden“, sagt einer der Männer zum Beamten. Seine Kollegen und die jungen Trägerinnen rollen die Transparente ein. Der Zug marschiert inzwischen weiter, einmal um den Häuserblock und biegt bei der vollen Begegnungszone wieder in die Mariahilfer Straße ein. Mit seinem Megaphon wiederholt Kmenta die Trauerrede. Er sagt, dass an Aktionstagen Wert, Service und Qualität substanzlosem Umsatz und aggressiven Discountangeboten geopfert würden. Er bezeichnet Rabattitis als „heimtückische Seuche“.  

Und wer ist Armin?

Ständig bleibt wer stehen und knipst mit dem Smartphone. Zwei junge Damen, die in einem Café sitzen, applaudieren, als Kmenta mit dem Wort „Amen“ seine Rede schließt. Ein Mann mit Lederjacke hält Kmentas Worte hingegen „für total übertrieben“. Ein junger Mann mit Dreitagebarte, der offenbar nicht genau hinhörte, raunt seinem Freund zu: „Wer ist Armin? Und was hat der damit zu tun?“

Im Schritttempo versucht sich ein Bus durch die Begegnungszone zu quetschen. Er hat es nicht leicht. Es ist eng. Die Fahrgäste blicken staunend aus den Fenstern, als sich der 13a langsam am Sarg vorbeischiebt.

Es geht weiter. Der Wind lässt nicht nach. Die Sargträger haben es fasst geschafft. Nur noch wenige Meter sind es von hier zum Museumsplatz, zur Abschlusskundgebung des „Walk for Value“. Es geht Kmenta um Mehrwert in der Wirtschaft. „Kompetente Beratung und hochwertige Produkte schlagen Billigpreise und lassen Wirtschaftlichkeit, Qualität, Service und Wert wieder auferstehen und bestehen“, ist er überzeugt. Und das nicht nur in Österreich. Die Aktion soll im nächsten Jahr auch in der Schweiz und in Deutschland, also im gesamten DACH-Raum, über die Bühne gehen. Wobei wohl zu keiner anderen Stadt der Welt besser Sarg und Begräbnis passen, als zu Wien.    

Elektrojournal interviewte Roman Kmenta im Vorfeld des Protest-Trauerzugs ausführlich.

Fotos: Zechmeister

Autor/in:
Alexander Zechmeister
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