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PVA-Vorstand Paierl: „Für uns war's wie ein Feiertag“

21.11.2019

Anfang Juli hat Herbert Paierl das PVA-Erbe von Hans Kronberger übernommen. Mit dem Elektrojournal sprach er über neue Feiertage, Chancen für die Landwirtschaft und seine Angst vor der „österreichischen Lösung“. Zur prägnanten Kurzfassung im aktuellen Elektrojournal gibt’s hier nun das vollständige Interview zum Nachlesen.    

Herbert Paierl ist seit Juli Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Photovoltaic Austria (PVA).

Es waren intensive erste Monate für Herbert Paierl. Als er am 4. Juli zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbands Photovoltaic Austria (PVA) gewählt wurde, beschäftigte sich die heimische Politik mehr mit einer spanischen Sonneninsel, statt mit Sonnenstrom. Dementsprechend dunkel war’s auch rund um die Photovoltaik – das Erneuerbaren Ausbaugesetz wurde praktisch eingefroren, wichtige Förderschienen drohten auszulaufen. „Das hätte nicht nur in einem Stillstand geendet, das wäre ein Rückfall ins Nirvana geworden“, bringt es Paierl im Gespräch mit dem Elektrojournal auf den Punkt. Vor allem in Hinblick auf die von der Regierung im Frühjahr beschlossene Mission 2030, wonach die Photovoltaik (PV) bis dahin 20 Prozent der heimischen erneuerbaren Energie beisteuern muss. Zur Information: 2018 machte die PV gerade Mal zwei Prozent aus. „Das war auch der Grund, wieso wir so penetrant für das Notprogramm getrommelt haben. Und Gott sei Dank ist das dann vom Parlament auch 1:1 übernommen worden. Der 26. September war für uns wie ein Feiertag. Hans Kronberger wäre jetzt wohl sehr glücklich.“        

Die Umsetzung steht an

Die politischen Weichen sind damit also gestellt, jetzt geht’s an die technische Umsetzung. Nach heutiger Rechnung müsste die PV 2030 rund 15 TWp liefern. Fakt ist auch, so viele Dächer gibt’s in Österreich gar nicht. „Wir glauben, dass nur rund ein Drittel davon von den Dächern kommen kann, zwei Drittel der Leistung werden wir auf Freiflächen realisieren müssen. Wir werden dafür etwa 100 Quadratkilometer brauchen – das ist ein Viertel der Fläche von Wien. Umgelegt auf Flächenländer wie Nieder-, und Oberösterreich bzw. die Steiermark ist das freilich nicht so viel“, so Paierl. Dabei soll es nach Möglichkeit aber nicht zu Konflikten mit der Landwirtschaft kommen – denn die wären beim „Kampf um den Boden“ vorprogrammiert. „In erster Linie müssen wir schauen, dass wir rekultivierte Mülldeponien, Schotterabbaugebiete oder etwa Steinbrüche als geeignete Lagen bekommen. Auf der anderen Seite müssen wir uns gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer Lösungen überlegen. Wir sind da bereits in guter Abstimmung mit der Bauernkammer und dem Gemeindebund“, so Paierl.

Ziel ist es, Flächen zukünftig zweifach zu nutzen – photovoltaisch und auch agrarisch. „Es gibt schon Modellanlagen und Projekte. Für gewisse Pflanzenkulturen kann eine solche Nutzung sogar vorteilhaft sein. Nicht zuletzt ist diese auch für den Grundbesitzer interessant, weil er damit eine zusätzliche Ertragsmöglichkeit hat. Und man darf nicht vergessen, dass wir den Boden mit unseren PV-Anlagen ja nicht versiegeln, so wie es etwa Bauwerke machen.“ Die PVA denkt hier etwa an den Einsatz horizontal stehender Module, die beispielsweise auch weiterhin eine problemlose Durchfahrt mit einem Traktor erlauben. „Ein wesentliches Argument ist außerdem die regionale Wertschöpfung. Nicht alle Module kommen schließlich aus Asien und die Elektronik dahinter ist sowieso überwiegend heimisch. Ebenso die Umsetzung und Wartung – das ist ja schließlich ein klares Thema der regionalen Elektriker.“

Gesetzliche Rahmenbedingungen überdenken

Weiteren Nachbesserungsbedarf sieht Paierl außerdem bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen. „Wir wollen nun verstärkt auch für günstigere Rahmenbedingungen werben – und damit meine ich nicht den Preis der Anlagen, sondern Flächenwidmungen oder langwierige Genehmigungsverfahren. Die sind teilweise so kompliziert und umständlich, dass sie sinnvolle Projekte sehr lange aufhalten können. Da muss man in Zukunft ein wenig großzügiger sein, sonst wird’s mit der Mission 2030 sehr schwer“, warnt Paierl. Und fügt hinzu: „Immer mehr Gemeinden rufen den Klimanotstand aus. Da muss man dann schon fragen: Und? Was trägst du bei, damit es besser wird? Schließlich bist du ja jene Stelle, die für die Flächenwidmung zuständig ist. Im Grunde habe ich ja nur Angst, dass man sich mit der österreichischen Lösung aus der Affäre zieht: Das ist so kompliziert, das geht nicht. Und darum machen wir es auch nicht. Das war bis jetzt ja immer das Killerargument.“

Auch die leidige Finanzierung darf keine Ausrede sein. „Fakt ist: Wenn ich als Gemeinde die Fläche habe, dann gibt es sicher sofort einen Anbieter. Das Projekt kann ich ja auch Ausschreiben, da ist ein Markt vorhanden. Schließlich ist die Suche nach geeigneten Flächen ja auch schon voll im Gange.“

Nicht alles kann über Förderungen gehen

Kein Killerargument ist auch das Thema Förderungen, wobei die PV freilich nach wie vor mit „einem gewissen Wettbewerbsnachteil“ behaftete ist. „Gegen den billigen, CO2-belasteten Importstrom haben wir natürlich keine Chance. Sobald aber der Strompreis anzieht, und hier steht ja aktuell das Thema CO2-Bepreisung zur Diskussion, dann spielt alles in unsere Richtung“, so Paierl. Es gebe inzwischen auch schon Investoren, die Großanlagen ganz ohne Förderungen umsetzen würden. Nur bei Kleinanlagen sei das noch nicht der Fall. Ähnliches gilt für die Stromspeicher. „Hier sind wir mit den Kosten noch nicht so weit unten, wie etwa bei den Modulen. Aber auch hier steht der nächste Schritt der Effizienzsteigerung bevor.“

„Wir sagen ja nicht von vornherein, dass alles gefördert werden muss. Aber die Förderung ist im Prinzip auch ein Ausgleich des Wettbewerbsnachteils. Das habe ich ja in anderen Branchen auch, in der Biolandwirtschaft zum Beispiel“, erklärt Paierl. „Aber es ist auch klar, dass nicht alles, was wir für 2030 brauchen, über die Förderschiene gehen kann.“

Ein viel wichtigerer Schritt sei ohnehin die Streichung der Eigenverbrauchsabgabe gewesen – vor allem für größere Unternehmen, die den Strom selbst verbrauchen. Ein gutes Beispiel gebe hier der Flughafen Wien ab. „Die haben 2,7 MW auf den Dächern montiert und verbrauchen den Strom selbst. Bei 1,5 Cent pro kWh sparen die sich jetzt rund 40.000 Euro im Jahr. Für viele Investoren war diese Abgabe ein Hemmschuh und ein gutes Argument nicht in PV zu investieren. Natürlich hoffen wir, dass jetzt die Eigenverbrauchsanlagen ansteigen.“

Energiegemeinschaften

Als nächstes Thema stehen laut Paierl die so genannten Erneuerbaren Energiegemeinschaften an. „Die EU hat vorgegeben, dass Österreich solche Gemeinschaften zukünftig ermöglichen muss. Bis 2021 muss hier nachgezogen werden. Dieses Thema wird dann vor allem für Gewerbeparks oder Gemeinden superinteressant.“ Eine große Aufgabe sieht man hier auf die Netzbetreiber zukommen, da die dezentralen Versorgungseinheiten eine immer größere Herausforderung werden. „Dieser Aufwand sollte aber freilich auch kompensiert werden“, fordert Paierl.

Und wie schaut’s nun mit einem Fazit aus? „Wir brauchen dringend Unterstützung bei den kleineren Dingen – etwa bei Genehmigungen oder Umwidmungen. Das sollte deutlich einfacher werden. Im Speicherbereich werden wir sicher auch noch die Förderungen brauchen. Außerdem liegt das EAG derzeit auf Eis, aber ich hoffe, dass das von der neuen Regierung wieder reaktiviert wird. Schließlich brauchen wir für die Branche und die Investitionen auch eine gewissen Sicherheit.“

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