Direkt zum Inhalt

Totale Überwachung: Neuer Bericht wirft kein gutes Licht auf Amazon

03.09.2020

Auch wenn der Online-Gigant sein Image derzeit mit herzergreifenden TV-Spots aufpolieren möchte: hinter der Fassade dürfte es dann doch nicht so nett sein, wie in der Werbung suggeriert.

Diesen Schluss lässt jedenfalls ein Bericht des Open Market Instituts zu, in dem man sich die Arbeitsbedingungen in den USA genauer angesehen hat. Zwar wird hier auch eingeräumt, dass die – teilweise unfassbaren – Zustände in den USA nicht mit jenen in den EU-Staaten zu vergleichen seien, Grund zur Beunruhigung gebe es aufgrund des rasanten Wachstums des Online-Riesen aber trotzdem. Noch würden aber das strengere Arbeitsrecht und der bessere Datenschutz die Beschäftigten in der EU schützen.

Kurzes Fazit des Berichts: Jeder einzelne Handgriff der Amazon-Beschäftigten wird aufgezeichnet und sämtliche Arbeitsplätze werden total überwacht. Wie im Bericht nachzulesen müssen Mitarbeiter beim Betreten des Gebäudes alle persönlichen Gegenstände abgeben und dürfen nur eine Wasserflasche sowie etwas Geld in einem durchsichtigen Plastikbeutel mitnehmen. Die Lagerhallen werden über ein lückenloses Netz an Kameras überwacht, wobei diese nicht nur dafür da sind, Diebstähle zu vermeiden, sondern vom Konzern auch eingesetzt werden, Gespräche zwischen Kollegen zu verhindern. Zu groß ist offenbar die Gefahr, dass sich diese organisieren und gewerkschaftliche Strukturen gründen könnten.

Apropos Gewerkschaft: In den Läden seiner US-Lebensmittelkette „Whole Foods“ setzt Amazon angeblich sogar eine eigene Software ein, die aufgrund einer Vielzahl von Kriterien analysiert, wie hoch dort das Risiko einer gewerkschaftlichen Organisierung ist. Als hohe Risikofaktoren gelten übrigens die Zahl der Beschäftigten, deren ethnische Zusammenstellung und die Stimmung im Team. Auch wenn über die Kameras öfters Gespräche zwischen Kollegen aufgezeichnet werden, könnte das „eine Gefahr darstellen“.

Wenig zu lachen gibt’s auch in den Lagerhallen. So werden auf großen Bildschirmen Aufnahmen von Beschäftigten gezeigt, die beim Diebstahl erwischt wurden. Gleichzeitig wird aber ohnehin jeder Handgriff überwacht. Ein Scanner zählt beispielsweise die Sekunden, die ein Mitarbeiter für eine Aufgabe braucht. Ist der Mitarbeiter nicht schnell genug, wird das vom System als verschwendete Arbeitszeit gezählt. Hat man zu viel davon, wird gekündigt. Mittels Armband wird sogar die Richtung jedes einzelnen Handgriffs überwacht: stimmt die Richtung nicht, beginnt es zu vibrieren. Ehemalige Mitarbeiter beschreiben den psychologischen Effekt als Dauerstress bzw. Dauerpanik.

Ziemlich gestresst dürften auch die Lieferfahrer sein. Abgesehen davon, dass eine eigene Navigationssoftware einen verpflichtenden Weg vorschreibt, sind auch keine Pinkel-Pausen vorgesehen. Außerdem wird verlangt, dass 999 von 1.000 Paketen zeitgerecht ausgeliefert werden – andernfalls wird wieder gekündigt.

Amazon streitet alles ab

Amazon bestreitet naturgemäß die Darstellung des Berichts kategorisch. „Diese Behauptungen treffen nicht zu“, schrieb ein Sprecher beispielsweise an die Plattform netzpolitik.org. „Die Leistung der Mitarbeiter wird über einen langen Zeitraum betrachtet und bewertet. Wir wissen, dass viele Faktoren die Leistung von Menschen beeinflussen. Wo wir sehen, dass die Leistung über längere Zeit nicht erreicht wird, unterstützen wir mit Feedback und Coaching“.

Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) sieht das ein wenig anders und kürte Amazon-Chef Jeff Bezos zum „schlechtesten Arbeitgeber der Welt“. „Wir sehen das in Deutschland, in Spanien, in Großbritannien, Italien, Polen und den USA – überall expandiert Amazon rapide, aber die Arbeitsbedingungen sind schockierend“, warnte IGB-Generalsekretärin Sharan Burrow zuletzt im Gespräch mit netzpolitik.org.

Werbung

Weiterführende Themen

Branche
15.04.2020

Amazon muss in Frankreich – einem Gerichtsbeschluss zufolge – bis auf weiteres Teile seiner Versand- und Lageraktivitäten einstellen. Außerdem drohen empfindliche Strafen, wenn Sicherheitsauflagen ...

Branche
19.02.2020

Nach der Großrazzia im Amazon-Verteilzentrum in Großebersdorf bei Wien nehmen Regierung und Gewerkschaft den Online-Riesen in die Pflicht.

Branche
19.12.2019

Konkret werden die Marktplätze von Amazon & Co. aufgefordert, mehr gegen die asiatische Plagiatsindustrie zu unternehmen. Bereits jeder dritte Top-Seller auf dem Amazon Marktplatz stammt aus ...

Multimedia
15.12.2019

Nach zwei Jahrzehnten verliert Bezahlsender Sky die Übertragungsrechte für die Fußball-Champions-League. Ab der Saison 2021/22 wird diese nur noch via Streaming zu sehen sein. Die Rechte teilen ...

Branche
29.11.2019

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac heute das Verteilzentrum von Amazon in Großebersdorf bei Wien sowie an rund 50 Orten in Frankreich blockiert. Damit will Attac auf den hohen Preis ...

Werbung