Direkt zum Inhalt

Logistikcenter? Nein danke! Brünn gibt Amazon eine Korb / Prag wackelt noch

26.03.2014

Keine lästigen Gewerkschaften, niedrigere Löhne als in Deutschland und volle Fördertöpfe für Investitionen in „strukturschwachen Gebieten“. So schön hätte es für den Versandhandelsriesen Amazon im benachbarten Tschechien laufen können. Hätte, denn das Brünner Stadtparlament hat den Plänen des US-Versenders jetzt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und auch am zweiten Standort unweit von Prag läuft’s nicht wirklich besser.

In der Nähe von Brünn, also unweit der österreichischen Grenze, hätte es aus dem Boden gestampft werden sollen, das neue Amazon-Versandlager. Der deutsche Markt zum Greifen nah, und trotzdem ohne die lästigen Nebenwirkungen wie Streiks, verärgerte Gewerkschaften oder schlechte Presse. Mit genügend Fingerspitzengefühl hätte man zudem regionale Fördertöpfe anzapfen können, handelt es sich doch um eine eher strukturschwache Gegend, wo Investoren und Arbeitsplätze jederzeit herzlich willkommen sind.

So einfach über sich drüberfahren wollen sich die Anwohner - trotz aller Arbeitsplatz-Versprechen - aber trotzdem nicht lassen. Schließlich ist die zu erwartende Verkehrslawine auch das Hauptargument, wenn’s um die Ablehnung geht. So haben die Stadtvertreter von Brünn den Bau des Logistikzentrums inzwischen ein drittes Mal blockiert. Zuerst hakte es an einem zusätzlichen Autobahnzubringer, dann am Flächenwidmungsplan der keinen Bau eines 95.000 Quadratmeter großen Lagers erlaubt.

Rauer Wind auch beim geplanten Versandlager Nummer 2  

Aber auch in der Nähe von Prag sollte Amazon die Rechnung niemals ohne den Wirt machen - in diesem Fall rund 500 Wirte, oder besser gesagt Einwohner des tschechischen Dorfes Dobroviz. Als die Pläne des Versandhändlers ruchbar wurden, gründeten diese eine Bürgerinitiative, um sich mit aller Kraft gegen den Bau zu stemmen. Sie sahen ihr denkmalgeschütztes Ortsbild bedroht und gleichzeitig eine Verkehrslawine auf sich zurollen. Auch das Versprechen, mehrere tausend Arbeitsplätze zu schaffen, konnte die „tschechischen Gallier“ nicht wirklich umstimmen.

Was nicht weiter verwundern darf: handelt es sich bei den Bürgern doch hauptsächlich um eher wohlhabende Ex-Prager, die aus der Hauptstadt ins Grüne entflohen sind. Und da passen Logistik-Zentren samt erwartetem Zuzug hunderter Arbeitskräfte nicht wirklich ins Bild. In einem Referendum wurde der Bau daher auch abgelehnt.  

Das wiederum gefiel der Regierung in Prag nicht, weil man ums Ansehen des Landes bei potenziellen Investoren fürchtet. Um die Zweifler umzustimmen, bot Amazon sogar an, Umfahrungsstraßen und eine größere Kläranlage zu finanzieren. Geholfen hat’s freilich nichts, die Bürger blieben beim Nein. Sogar der persönliche Einsatz des sozialdemokratischen Wirtschaftsminister Jan Mladek, sowie die Schimpftiraden von Staatspräsident Milos Zeman waren von keinem Erfolg gekrönt.

 

Ganz hoffnungslos ist die Sache aus Sicht von Amazon allerdings noch nicht. Nicht nur, dass Regionen rund um die Städte Holesov und Ostrava (fast) alles dafür tun würden, die Logistik-Zentren zu beherbergen, sollen in den kommenden Wochen weitere Gespräche in Dobroviz stattfinden. Die Front der Gegner bröckelt angeblich bereits. Amazon wird Dobroviz jedenfalls nicht schnell aufgeben, denn die Ersatzorte Holesov und Ostrava haben beide ein ernsthaftes Problem: sie sind zu weit von Deutschland entfernt, um den dortigen Markt sinnvoll beliefern zu können.

Autor/in:
Redaktion Elektrojournal
Werbung

Weiterführende Themen

Branche
03.09.2020

Auch wenn der Online-Gigant sein Image derzeit mit herzergreifenden TV-Spots aufpolieren möchte: hinter der Fassade dürfte es dann doch nicht so nett sein, wie in der Werbung suggeriert.

Der Prime Day wurde verschoben, ein Sommerschlussverkauf soll an seine Stelle treten.
Branche
04.06.2020

Um den Corona-bedingt verschobenen Prime Day zu kompensieren plant der Online-Gigant für Ende Juni eine sieben- bis zehntägige Serie an Rabattaktionen.

Branche
15.04.2020

Amazon muss in Frankreich – einem Gerichtsbeschluss zufolge – bis auf weiteres Teile seiner Versand- und Lageraktivitäten einstellen. Außerdem drohen empfindliche Strafen, wenn Sicherheitsauflagen ...

Branche
19.02.2020

Nach der Großrazzia im Amazon-Verteilzentrum in Großebersdorf bei Wien nehmen Regierung und Gewerkschaft den Online-Riesen in die Pflicht.

Multimedia
19.08.2014

Ausgesprochen großzügig zeigt sich derzeit Samsung. Im Rahmen einer „Tab-Tester-Aktion“ verschicken die Koreaner ihr Galaxy Tab S an „ausgewählte ...

Werbung