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Geizhals im ungekürzten Exklusiv-Interview: „Händler finanzieren sich ihre Erpressung selbst“

19.06.2012

Im druckfrischen Elektrojournal (Ausgabe 6/2012) spricht Geizhals-Chef Marinos Yannikos erstmals Klartext - über seine Beweggründe, wuchernde Preiskartelle in Österreich, ein ungewolltes Samariter-Image und warum er selektiven Vertriebsmodellen eigentlich ganz und gar nicht abgeneigt ist. In der ungekürzten Online-Version legt der Geizhals-Chef jetzt noch einmal kräftig nach.

Während die Händler der Industrie quasi auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, sei vor allem bei einigen Herstellern der Weißware das Unrechtsbewusstsein in Sachen freier Preisgestaltung noch nicht so richtig ausgeprägt. Ganz im Gegensatz zu der – von den Händlern oft kritisierten – Preisgestaltung bei Geizhals selbst: man sei schließlich immer noch effizienter und günstiger als viele andere Werbeformen…  

 

Elektrojournal: Nachdem Geizhals den Handel dazu aufgerufen hat, mit der Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) zusammenzuarbeiten, sind die Emotionen übergekocht. Unter anderem wirft man euch Gier und Kurzsichtigkeit vor…
Vera Pesata: Ich denke, wir haben Industrievertreter massiv aufgeschreckt und das ist die Retourkutsche. Jetzt versucht man die Händler einzuschüchtern, damit sie nicht mit der BWB zusammenarbeiten.
Marinos Yannikos: Es ist in der Branche kein Geheimnis, dass Einflussnahmen passieren – das weiß jeder. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die BWB auf den Plan gerufen wird.


Elektrojournal:
Womit sich nun allerdings auch die Henne/Ei-Frage stellt: gab’s zuerst eure Umfrage oder das Begehr der BWB?

Pesata: Als wir unsere Umfrage im Herbst vergangenen Jahres präsentieren, wurde diese von Tageszeitungen medial aufgemacht. Das hat dann wiederum die BWB auf den Plan gerufen und die hat sich daraufhin an uns gewandt. Mit dem besagten E-Mail haben wir eigentlich nur die Kontaktdaten der BWB an unsere Händler weitergeleitet. Konkrete Daten haben wir keine geliefert, das müssen unsere Händler schon selbst machen.

Elektrojournal: Und was war das zusammengefasste Ergebnis der Umfrage?  

Pesata: Von rund 500 Geizhals-Händlern, haben 89 geantwortet. Von diesen haben 47,2 Prozent angegeben, dass sie von der Industrie unter Druck gesetzt werden. 70,6% mit Lieferverzögerungen, 73,3% mit Liefersperre, 57,1% mit möglichen Verschlechterungen der Einkaufskonditionen, 47,6% mit dem Entzug der Herstellerbilderlaubnis im Online-Shop und 37,7% wurde sogar mit dem Verlust des Jahresbonus gedroht, was meines Erachtens nach das Schlimmste ist. Die Missstände betreffen allerdings nicht die gesamte Industrie. Die IT beispielsweise ist gar nicht betroffen, es ist eher ein Thema einiger Anbieter von Unterhaltungselektronik und Weißware.
Yannikos: Vor allem betrifft es einige Hersteller der Weißware. Teilweise wissen wir, dass es spezielle Vereinbarungen zwischen Hersteller und Handel gibt, in denen Geizhals namentlich explizit als Vertriebskanal ausgeschlossen wird.

"Haben massenhaft hysterische Anrufe und E-Mails bekommen"


Elektrojournal:
Euer Verhältnis zur Industrie scheint ohnehin etwas angespannt – nicht zuletzt auch an den fehlenden Produktbildern erkennbar.

Pesata: Das würde ich nicht verallgemeinern. Es gibt natürlich schwarze Schafe mit denen wir uns nicht gut verstehen. Es gibt aber auch jahrelange und sehr gute Kontakte, mit denen es keinerlei Probleme gibt.

Yannikos: Es stimmt, es fehlen einige bekannte Hersteller, in der Zahl sind es aber nicht sehr viele. Sie glauben halt, dass sie uns mit dieser Vorgangsweise beeinflussen können.

Pesata: Wie groß die Einflussnahme hier ist, haben wir erstmals mitbekommen, als wir den Händlern gemeinsam mit der Wirtschaftskammer unseren Metashop angeboten haben, damit sie ohne großen Aufwand ins Online-Business starten können. Wir haben massenhaft hysterische Anrufe und E-Mails bekommen, dass wir die Bilder bestimmter Hersteller rausnehmen sollen.

Yannikos: Zuerst dachten wir noch, dass diese Hersteller etwas gegen den Onlinehandel haben, in Wirklichkeit sind sie aber auf ihre Fachhändler losgegangen. Metashop ist ein Projekt mit der WKO, bei dem es darum geht etablierte Fachhändler Internet-Fit zu machen – hier geht es also sicher nicht um Preisdrücker oder Garagenhändler. Genau diese sind dann aber unter Beschuss gekommen, weil sie sich angeblich nicht an Preisvorgaben gehalten haben. Etablierte langjährige Fachhändler, also genau jene, die die Industrie vorgibt zu schützen.

Autor/in:
Redaktion Elektrojournal
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