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Automatisierte Kündigungen: Wer bei Amazon fliegt entscheiden die Computer

29.04.2019

US-Magazin The Verge lässt mit neuen Details aus der Welt des Online-Riesen aufhorchen. Die Leistungen der Mitarbeiter in den Logistikzentren werden minutiös protokolliert. Schaffen sie die Zielvorgaben nicht, wird automatisch gekündigt.

Wie aus einem Papier hervorgeht, das von Anwälten des Konzerns verfasst wurde und das dem US-Magazin vorliegt, wird die Produktivität eines jeden Mitarbeiters in den Logistikzentren von einem System mitgeschrieben und ausgewertet. Und das nicht nur, um Berichte zu verfassen, sondern bei Bedarf auch automatisch Abmahnungen und Kündigungen zu verschicken. Die Manager können aber, so heißt es bei Amazon, in die Entscheidungen des Systems eingreifen.

Ob das allerdings besonders oft vorkommt, sei dahingestellt. Die Zahlen aus einem Logistikzentrum, die ebenfalls im Dokument enthalten sind, deuten jedenfalls nicht darauf hin. In der fraglichen Niederlassung wurden zwischen August 2017 und September 2018 rund 300 Angestellte aufgrund von Ineffizienz entlassen – das sind rund 10 Prozent der Belegschaft.

Rechnet man das auf die gesamte Amazon-Belegschaft hoch, so sind es pro Jahr vermutlich mehrere Tausend Leute, die ihre Pakete nicht schnell genug packen. Das Problem dürfte in Nordamerika zudem größer sein als in Europa, da hierzulande die Arbeitnehmerrechte stärker verankert sind. Konkrete Zahlen gibt es allerdings nicht.

Eine der Kenngrößen des nahezu komplett automatisierten Personalmanagements ist die so genannte "Time Off Task" (TOT – vereinfacht übersetzt: „Zeit abseits der Aufgaben“), bei der gemessen wird, wie lange Zeit durchschnittlich zwischen zwei Scan-Vorgängen beim jeweiligen Mitarbeiter vergeht. Immer wieder kommt es vor, dass Angestellte Toilettengänge unterdrücken, damit sich dieser Wert nicht verschlechtert.

In einer Stellungnahme erklärte Amazon, dass die Kündigungen keinesfalls automatisch sofort herausgehen, wenn mal jemand nicht im Plan liegt. Die Quoten würden außerdem nicht willkürlich nach oben gesetzt, sondern erst dann, wenn 75 Prozent der Beschäftigten in einem Logistikzentrum sie bereits erreichen.

Update (30.04. 15 Uhr)

Soeben hat uns folgende Stellungnahme von Amazon erreicht (hier im vollen Wortlaut):

Bei Amazon bieten wir wettbewerbsfähige Löhne, die am oberen Ende dessen liegen, was in vergleichbaren Jobs bezahlt wird. Hinzu kommen umfassende Zusatzleistungen und vielfältige Möglichkeiten für die Entwicklung der eigenen Karriere. Gleichzeitig ist es unsere höchste Priorität, unseren Mitarbeitern ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld zu bieten. Andernfalls wäre es unmöglich, die Tausenden festangestellten Mitarbeiter in einem wettbewerbsstarken Arbeitsmarkt zu halten und weitere einzustellen.

Wie alle Unternehmen haben auch wir Erwartungen hinsichtlich der Leistung unserer Mitarbeiter - dies allerdings ausschließlich mit Blick auf die operative Planbarkeit der Einhaltung der Kundenversprechen. Bei uns werden Produktivitätsrichtwerte nach objektiven und realistischen Gesichtspunkten festgelegt und über längere Zeiträume evaluiert. Hierbei wird insbesondere auch die durchschnittliche Leistung der Belegschaft selbst berücksichtigt. Unsere Führungskräfte arbeiten eng mit ihren Mitarbeitern zusammen, um diese zu fördern und zu coachen. Wir arbeiten gemeinsam mit unseren Mitarbeitern ständig daran, unsere Prozesse zu verbessern und die Arbeitsabläufe zu optimieren, um als Team gemeinsam jeden Tag besser und effizienter zu werden.

Da wir ständig wachsen und kontinuierlich neue Mitarbeiter rekrutieren, ist es in unserem Interesse, unsere Belegschaft langfristig zu beschäftigen und ihnen neue Möglichkeiten zur Weiterentwicklung in unserem Unternehmen zu bieten. Wir entlassen keine Mitarbeiter ohne sehr guten Grund.

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